Saturday, September 24, 2011

[Rezension] Hunger nach weniger



Sie seufzte und schluchzte dann lauter. Ganz tief in ihr wurde ihr bewusst, dass es niemals zu Ende wäre. Nie würde sie dünn genug sein. Immer würde sie weitermachen wollen, mehr abnehmen wollen. Sie würde sich selbst nie gut genug finden für diese Welt. Sie würde niemals mit ihrer Diät aufhören können.

Inhalt
Anne findet sich zu hässlich und dick. Um endlich anstelle ihrer Schwester von ihrer Mutter beachtet zu werden und um aus dem Schatten ihrer schlanken, hübschen Freundin Amaryllis zu treten, setzt sie sich ein Ziel. Abnehmen. 47 Kilo strebt sie an, ein wie sie glaubt, langer Weg. Doch der Weg ist nicht nur lang, sondern auch schwierig. Anne muss mit inneren Konflikten kämpfen, Essen wird ihr schlimmster Feind und Abführmittel ihre besten Freunde. Plötzlich gehören auch Missverständnisse und ständige Lügen zu Annes Alltag. Als sie die 47 Kilo erreicht, hat sie schon längst ein neues Ziel vor Augen: Weiter abnehmen …

Meinung
Ich habe schon mehrere Kurzgeschichten zum Thema Magersucht gelesen und alle waren relativ gleich. „Hunger nach weniger“ war mein erster Roman über dieses schwierige Thema. Als erstes war ich wirklich ziemlich skeptisch. Würde es wieder solch ein „Durchschnittsproblembuch“ werden, in dem alles schon so gut wie vorhersehbar ist? Ich muss zugeben, es gab Dinge, die im Buch vorhersehbar waren. Und trotzdem hat mich das Buch überzeugt.

Als erstes hatte ich jedoch Probleme, mich richtig in die Geschichte einzufinden. Das Buch basiert auf Jessica Antonis‘ persönlichen Erfahrungen, zwar sind alle Personen frei erfunden, doch es fällt mir bei solchen realen Geschichten immer schwer, Handlungen (die ja meistens wirklich passiert sind!) zu kritisieren. Ich tue es in diesem Falle trotzdem: Sehr schwer fand ich es, mich in Anne hineinzuversetzen. Nicht weil sie abnehmen will – das will schließlich jedes Mädchen mal, sondern weil sie eine seltsame Diät hält. Sie versucht so wenig wie möglich zu essen, doch wenn sie etwas isst, sind es immer süße oder fettige Sachen! So kommt sie zum Beispiel von der Schule zurück und fühlt sich richtig gut, weil sie einen Tag nichts gegessen hat, hat jedoch Hunger und glaubt, sie hat eine Belohnung verdient. Statt sich etwas Gemüse oder Obst zu gönnen nimmt sie ein großes Stück Torte. Oder sie isst zu Abend eine kleine Portion Fritten. Erst relativ zum Ende des Buches merkt sie überhaupt, dass man auch durch Sporttreiben abnehmen kann!
Ein weiterer Kritikpunkt trifft die Beziehung zwischen Anne und ihrer (besten) Freundin Amaryllis. Diese bleibt nämlich sehr unklar. Es gibt Stellen, an denen Anne ihre Freundin schrecklich beneidet und fast schon hasst, und weitere Stellen, an denen Anne beteuert Amaryllis sei ihre beste Freundin überhaupt. Sehr gewundert habe ich mich auch über Annes Verhalten, als Amaryllis ihr „befiehlt“ nicht mehr mit einem Jungen zu sprechen (welchen beide offensichtlich mögen). Anne stimmt ohne Protest zu – und dass, obwohl der Junge sogar einer der Gründe für Annes Diät war!

Das Buch ist in Monate eingeteilt und es ist bemerkenswert und gleichzeitig schmerzvoll, Annes körperlichen und seelischen Zustand im Laufe der Diät mitzuerleben. Neue Ziele, neue Ängste, neue Tricks, um vorzutäuschen, sie hätte schon gegessen. Neue Lügen, neuen Hass und manchmal sogar Stolz auf ihren Körper.

Sprachlich konnte mich das Buch leider nicht sehr überzeugen. Ich hätte mir mehr bildliche, umschreibende Beschreibungen gewünscht, ein wenig mehr „show, don’t tell“.

Ich muss ehrlich gesagt zugeben, bis ich zu dem Teil, an dem alles ernster wird, gekommen bin, war für das Buch eine sichtlich schlechtere Bewertung geplant. Doch ab diesem Teil konnte ich plötzlich nicht mehr aufhören zu lesen und danach saß ich sprachlos da. Ich habe wirklich nicht gedacht, dass das Buch mich noch so mitnehmen würde. In diesem Teil bis zum Ende kommen endlich mehr Emotionen vor, Annes Verzweiflung und Schmerz wird richtig klar, man wird vom Lesen geschockt und bedrückt, während man gleichzeitig noch hofft, alles würde sich zum Besseren wenden.

Im Endeffekt handelt es sich bei „Hunger nach weniger“ um ein bemerkenswertes Buch, bei dem die Wahrheit des Begriffes „Magersucht“ auf erschreckende Weise klar wird.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen.


Zur Autorin
Jessica Antonis wurde in Leuwen/Belgien geboren. Schon immer liebte sie das Schreiben. Ihre Mutter brachte sie auf die Idee, ihre eigenen Erfahrungen mit der Magersucht in einem Buch zu verarbeiten. So entstand „Hunger nach weniger“.

Allgemeine Informationen
Seitenanzahl: 197
Verlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3800056514


Vielen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!


2 comments:

  1. Ich war am Anfang deiner Rezension ganz verwirrt, weil ich mich gefragt habe, warum das Buch so bemerkenswert sein soll, wenn du es gar nicht so toll fandst :D Aber eine schöne Rezi, nur das Buch selbst interessiert mich jetzt eher weniger...^^

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  2. auch wenn mich diese themen nicht so ansprechen finde ich deine rezesion sehr interessen geschrieben. gefällt mit sehr gut!

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