Wednesday, August 3, 2011

[Rezension] Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus



Ihre Augen waren offen. Sie starrte an die Zimmerdecke.
„Mama?“
Eine Fliege sauste um die Lampe.
„Mama?“
Sie regte sich nicht. Auf dem Nachttisch lehnte ein weißer Briefumschlag gegen eine Flasche Wein. Auf dem Fußboden lag ein leeres Tablettenfläschen.
„Mama?“
Die Fliege landete auf ihrer Stirn, lief ihr über Auge und Nase und verschwand zwischen ihren Lippen.

Inhalt
Die Geschichte fängt genauso schräg an, wie sich der Titel anhört: Eines Morgens findet Jonas seine Mutter tot im Schlafzimmer auf. Neben ihr liegen ein Briefumschlag und ein leeres Tablettenfläschchen. Was soll er tun? Seine kleine Schwester Sarah denkt seit Tagen nur noch an ihren anstehenden Geburtstag. Sein Vater, ehemaliger Metzger, ist schon für längere Zeit in der Irrenanstalt, da er eine plötzliche Abneigung gegen Fleisch entwickelt hat und deswegen einer Kundin mit dem Hackbeil hinterhergerannt ist. Um Sarah zu schützen – einerseits vor dem Fakt, dass ihre Mutter Selbstmord begangen hat, andererseits davor, in ein Heim zu kommen – bringt Jonas seine Mutter kurzerhand ins Kühlhaus. Danach macht er ihren Laptop an und übernimmt ihren Job als Kummerkastentante Dr. Linda. Doch es ist gar nicht so einfach wie gedacht, da plötzlich Heleen, ein Mädchen, das von einer Antwort von Dr. Linda nicht zufrieden gestellt wurde, persönlich auftaucht. Aber noch schlimmer ist da die neugierige Nachbarin Frau Ernestine, die sich wundert, Jonas‘ Mutter so lange nicht mehr gesehen zu haben. Was dann auch noch Familienkater Schrödinger mit der ganzen Sache zu tun hat – und das hat er sogar mehr als gedacht! – müsst ihr selber herausfinden …

Meine Meinung
Ich habe noch nie so ein Buch gelesen. Ehrlich, ob im Inhalt, der Grundidee oder sogar manchmal im Stil, die meisten Bücher ähneln sich auf die eine oder andere Weise. Doch dieses Buch hat mich überrascht. Es ist einfach anders. Ich meine, wer hat schon mal gelesen, dass ein Junge, der seine Mutter tot im Schlafzimmer auffindet, beschließt die Leiche in ein Kühlhaus zu bringen und den Tod grundlegend zu vertuschen, ohne, dass es rauskommt? Ich hätte jedoch niemals so wie Jonas gehandelt. Die Idee, die Leiche seiner Mutter zu verstecken, scheint mir einfach als viel zu verrückt. Doch andererseits bin ich nicht Jonas. Meine Familie ist kein Scherbenhaufen. Und das einzige was Jonas will, ist, dass seine geliebte Schwester Sarah ein normales, glückliches Leben führen kann.
Jonas ist ein wirklich besonderer Charakter, der mir das ganze Buch über, sehr ans Herz gewachsen ist. Er ist außerdem außergewöhnlich stark – seelisch. Vor ihrem Tod lag seine Mutter oft betrunken im Bett und so ist es nichts Neues, dass Jonas wirklich alles tut. Er macht den Haushalt, kümmert sich ums Essen, sorgt um seine Schwester und organisiert für sie sogar eine große Geburtstagsparty. Dann besucht er seinen Vater in der Anstalt, versucht ihn zu beruhigen und Erklärungen dafür zu finden, warum seine Mutter ihn immer noch nicht besucht – und nebenher möchte er irgendwann mal die Relativitäts- und die Quantentheorie zusammenführen. Schade finde ich allerdings, dass Jonas schon auf den ersten Seiten des Buches klarstellt, dass man nie erfahren wird, was im Brief steht, den seine Mutter hinterlassen hat. Er wird den Brief nie öffnen.
Heleens Charakter fand ich ehrlich gesagt ein wenig zu übertrieben. Sie behauptet, sie würde nichts fühlen können. Kein Verliebtsein, keine Trauer, keine besondere Anteilnahme … Als Jonas behauptet, er sei genauso, nennt sie ihn einen Lügner, schließlich liebe er seine Schwester so sehr, dass er den Tod seiner Mutter vertusche. Heleen hilft ihm jedoch dabei – sie macht es ebenso für Sarah – weshalb sie wohl genauso eine Lügnerin ist.
Jonas‘ Vater ist kein Verrückter, obwohl es als erstes so erscheinen mag. Er bezeichnet Fleischesser als Mörder und träumt jede Nacht von Kühen, die mit anklagendem Blick an seinem Bett stehen. Trotzdem kann man ihn nicht als verrückt betrachten, eher wie eine kaputte Seele. Dazu gibt es sogar einen bestimmten Grund, warum er als Metzger plötzlich angefangen hat, Fleischesser zu verachten.
Die Nebenpersonen (und –tiere) sollte man nicht unterschätzen, sie spielen alle eine größere Rolle in der Geschichte als gedacht, vor allem Frau Ernestine und Kater Schrödinger.

Würde ich das Buch in einem Wort beschreiben, würde ich wohl schräg sagen. Doch es ist nicht nur schräg. Traurige oder tiefsinnige Teile kommen auch nicht zu kurz. 
Durch die Briefe für Dr. Linda, die Jonas liest, wird nämlich noch eine andere Geschichte aufgedeckt, die gleichzeitig sogar Lindas Entscheidung für den Freitod rechtfertigt.
Jan de Leeuws Schreibstil passt perfekt zur Geschichte. Seine Sätze sind kurz und unkompliziert, in den Briefen jedoch meist länger. Dadurch kann man die verschiedenen Handlungen, die sich in der Gegenwart und einmal in den Briefen abspielen, gut auseinanderhalten.

Zuallerletzt muss ich sagen, dass ich gut verstehen kann, warum dieses Buch für den Jugendliteraturpreis 2011 nominiert wurde. Der Jurybegründung „Der Leser erlebt das Gefühlschaos mal mittendrin, mal aus der Distanz: Trauer, Fürsorge, Verliebtsein, Ratlosigkeit - das ganze Panorama. Die in diesem tragikkomischen Roman erzählte Pubertätsgeschichte beeindruckt durch ihren leichten Ton“ kann ich vollkommen zustimmen. Ich freue mich auf weitere interessante Romane von Jan de Leeuw.
Fazit: Manchmal schräg, manchmal traurig, manchmal berührend, alles ist dabei. Jan de Leeuw kann mit einem überaus außergewöhnlichen Roman überzeugen.


5 comments:

  1. eine rezension wie toll!
    und noch fast volle punktzahl :D
    danke für die rezi! ich hatte das buch schonmal in der hand, aber irgendwie hat es mich nicht so wirklich angesprochen :)

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  2. Hihi, deine Rezension ist einfach toll...das Buch hört sich sooo interessant an!!! :) Herrlich. Das Bild des Autors ist auch genial und passt irgendwie zum Roman :)

    LG
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    Jeden Montag neuer Lesestoff

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  3. Lottilein, das Buch ist sofort auf die Wunschliste gewandert - hätte ich ja nicht gedacht :D Super Rezension, dankeschön!

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  4. Das Buch klingt wirklich sehr interessant. Ich mag es, wenn Bücher mal etwas anders sind. Immer das selbe Schema ist irgendwie auch langweilig ;)

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  5. Dein Blog ist echt toll.
    Und das Buch hört sich interessant an außerdem gefällt mir das Cover :)

    Lg, Kata

    http://zuckerwattenbaum.blogspot.com/

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